Kritische Betrachtung
Wir sind uns darüber bewusst, dass die Simulation von Behinderungen auch kritisch betrachtet werden kann und sollte. „Einen Einblick in erlernte Bewältigungsstrategien und eigene, innovative Techniken, die im Leben mit Behinderung eine hohe Relevanz haben, kann in kurzfristigen Simulationen nicht annähernd erreicht werden." (Zitat aus Rauls Artikel). Dennoch sehen wir insbesondere die beeindruckende und immersive VR-Erfahrung als Chance, einen Beitrag zur Sensibilisierung von z.B. Angehörigen, Fachkräften, Kolleg_innen zu leisten.
Artikel von Raul K.: https://raul.de/allgemein/disability-simulations-behinderung-als-event-oder-eine-gute-moeglichkeit-um-auf-barrieren-aufmerksam-zu-machen/
Beispiel aus dem persönlichen Alltag
Dazu ein konkretes Beispiel: Michel arbeitet hauptberuflich bei einem gemeinnützigen Träger, der Bildungsangebote für Erwachsene und Jugendliche konzipiert und umsetzt. Seine Einschränkung durch eine progressive Netzhautdegeneration ist nicht sichtbar und häufig für die Personen in seinem Umfeld nicht wahrnehmbar oder gerät sogar in Vergessenheit.
Deshalb liegen manchmal Taschen, Pakete oder Ähnliches an unvorhergesehenen Plätzen, was diese alltägliche Umgebung für Michel potenziell gefährlich macht. Durch den VIP Simulator konnte Michel seinen Kolleg*innen auf sehr eindrückliche Weise aufzeigen, wie er seine Umgebung wahrnimmt. Sie konnten quasi „durch seine Augen schauen". Seitdem kommt es deutlich seltener vor, dass Gegenstände im Weg liegen. Die Arbeitsumgebung ist sicherer geworden.
Varianz in den Ausprägungen
Da Ausprägungen von Symptomen und Krankheitsverläufe von VIPs sehr unterschiedlich sind, können Simulationen nur eine Annäherung an die Wahrnehmung einer Person sein. Wir können beispielhaft aufzeigen, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, aber erheben ausdrücklich nicht den Anspruch, vermitteln zu können, wie ein sehbehinderter Mensch lebt, welche Strategien die Person entwickelt hat oder welchen Herausforderungen er/sie gegenübersteht.
Aufgrund der Individualität und Komplexität des Themas ist uns wichtig, die VR-Erfahrung möglichst als Teil eines umfassenderen Bildungsangebots zu begreifen, das die Simulation nutzt, um Aufmerksamkeit zu schaffen und zu sensibilisieren. Deshalb bieten wir neben der einfachen Präsenz auf Tagungen und anderen Veranstaltungen auch umfassende Bildungs- und Workshopkonzepte an, in der VR als Tool genutzt, gleichzeitig aber auch inhaltlich und didaktisch eingebettet wird.